Donnerstag, 19. Juni 2008

wahre Gesichter...

Die Bühne: Ein Wartezimmer, Platz für etwa 25 Personen, eine Ambulanz in einem Krankenhaus.
Geschätzte Wartezeit: ca. 4 Stunden, gefühlte Wartezeit: 12 Stunden.

Mir gegenüber eine vom Warten äusserst genervte, ca. 30-jährige Frau, nicht unattraktiv, Blickkontakt suchend, aber auch immer wieder das scheue Reh mimend. Daneben ein untersetzter Mittvierziger, schütteres fettiges Haar, Hornbrille. Zieht mit seinen Blicken alles aus, was nicht bei 3 auf den Bäumen ist. Ob jung oder alt, dick oder dünn – er macht sie alle nackich!
Dann kommt ein cooles Pärchen. Er etwa mitte sechzig, pensioniert, weisshaarig und der bequeme Typ, sie geschätzte 20 Jahre jünger, Modell zickiges spanisches Hausmädchen, diskutiert laut mit ihm, ob sie nicht zum 12. Mal zum Rauchen rausgehen soll. Er winkt genervt ab, während rund um die beiden die Leute etwas tiefer hinter ihren Zeitschriften versinken.
Lautstarke Diskussionen über Diätenerhöhungen und Ärztegehälter, bis eine stark untersetzte 15-jährige mit Krücken (jaaa, ich weiß – Unterarmgehstützen!) laut klagend über ihre Knieprobleme reingehumpelt kommt. Man sieht sofort, dass das, was ihr folgte, ihre Mutter ist – mit rotem Kopf und übelst nach kaltem Rauch und den Anstrengungen der 50 Meter vom Parkplatz riechend. „Im Wachstum tun die Gelenke halt manchmal weh!“ sagte die Oma nebenan. Ich denk mir meinen Teil und beobachte weiter den Nackichmacher. Selbst Mutter und Tochter von eben sind vor ihm nicht sicher... Und dann gibt es da noch den Griesgram, der jeden, der vor ihm aufgerufen wird, mit tödlichen Blicken zu strafen versucht – auch die, die bereits vor ihm da waren...
Inzwischen sind fast 3h vergangen und ich traue mich nichtmal aufs Klo zu gehen - wie ich mein Glück kenne, wird genau dann mein Name aufgerufen.
Also verkneif ich’s mir und schaue zu, wie ein langhaariger Typ, Modell arbeitsloser Sportlehrer, versucht, das Wartezimmer mit seiner Mitleidsstory zu beeindrucken. Die Tatsache, dass sich nicht wirklich jemand dafür interessiert, wie er sich seinen Fuß gebrochen hat (und ehrlich – ich habs auch schon wieder vergessen...) spornt ihn anscheinend nur noch mehr an und lässt ihn quasi zur invaliden Höchstform auflaufen. Ich warte in diesem Moment eigentlich nur noch auf eine Szenennachstellung des Unfalls. Irgendwann gibt er’s dann schließlich doch auf und vergräbt seine Strähnen in eine abgegriffene Brigitte. Bis das Hausmädchen vom Rauchen zurückkommt, und hustend über den ausgestreckten Gips des Sportlehrers stolpert. Ein lautes gequältes aufstöhnen seinerseits und sie schimpft noch über seine Fahrlässigkeit, sie hätte sich ja sonst was tun können!
Für eine Weile kehrt ruhe ein, die Ärzte scheinen Mittagspause zu machen, oder sie haben das Wartezimmer verwanzt und amüsieren sich köstlich bei Chips und Popcorn. Wenn sie mir ja wenigstens was abgeben würden!
Endlich wird mein Name aufgerufen und ich muss den erlauchten Kreis der wartenden verlassen... tut mir ja fast leid – irgendwann wachsen sie einem ja richtig ans Herz!

chilling mind

wie sinnvoll kann das Leben sein?

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